Am 12.11.2025 wird Neil Young 80 Jahre alt. Bis dahin stelle ich täglich ein persönliches Highlight aus seinem mit rund 50 Alben epischen Werk vor – mein „Danke für alles“!
#5: Southern Man (1970)
Was für ein kraftvoller, verzweifelter und aufgeladener Protest-Song …! ‚Southern Man‘, 1970 auf dem Album AFTER THE GOLDRUSH erschienen, ist eine eindeutige Anklage gegen die damals noch fortbestehenden rassistischen Strukturen und die mangelnde Aufarbeitung der Sklaverei im amerikanischen Süden und richtet sich deutlich gegen die Heuchelei und die Verbindung von christlicher Moral und rassistisch begründeter Gewalt.
Stellvertretend für die vielen messerscharfen Formulierungen des Songs hier die erste Strophe:
I saw cotton and I saw black
Tall white mansions and little shacks
Southern man, when will you pay them back
I heard screaming and bullwhips cracking
How long? How long?
Klar, dass der Song im Süden nicht besonders ankam, was ihm sogar eine süffisante Zeile in „Sweet Home Alabama“ der Südstaaten-Rockband Lynyrd Skynyrd bescherte: Well, I hope Neil Young will remember / A Southern man don't need him around anyhow.
Skynyrd wollte mit dieser Kritik keineswegs den damals immer noch praktizierten Rassismus verteidigen, sondern nur aufzeigen, dass der Süden nicht nur aus Rassisten besteht und dass Youngs Darstellung einfach zu pauschal sei – ein Gedanke, den Young später selbst auch eingestand. tatsächlich schätzten sich Young und Skynyrd musikalisch und persönlich, und Skynyrd-Sänger Ronnie Van Zant wurde angeblich sogar in einem Neil-Young-T-Shirt beerdigt.
Ich denke, dass ein gewisser Pauschalismus durchaus ein Stilmittel sein kann, um die Wichtigkeit des Themas noch plakativer darzustellen als in einem ganzheitlichen, alle möglichen Perspektiven berücksichtigenden Text.

Genauso wie der Text hat mich persönlich aber auch die Musik dieses Stückes aufgewühlt. Nicht nur die langen Gitarren-Soli mit ihren besonders schneidenden Sounds, nicht nur dieser expressive und aggressive Harmonie-Gesang, sondern vor allem die Struktur des Songs, die ihn immer weiter voran treibt. Und an diesem Arrangement ist, wie Nils Lofgren erzählt (siehe Videotipp), die Polka schuld!
In ‚Southern Man‘ werden Refrain und Strophe in Halftime gespielt, und so sollte ursprünglich auch das gesamte Stück sein. Lofgren schlug dagegen einen Double-Beat ähnlich wie bei einer Polka vor – und als Resultat dieses Einwurfs wurde am Ende beides verwendet: Strophe und Refrain erklangen in anklagender Halftime, während die Gitarrensoli in Doubletime gespielt wurden, was Young zu expressionistischen Höhenflügen auf seinem Instrument inspirierte.
Mit diesem Song – und einem zweiten, den ich an einem anderen Tag vorstellen werde – fand meine Initiation auf der E-Gitarre statt. Und auch deshalb bleibt ‚Southern Man‘ für immer ein ganz wichtiger Teil meiner persönlichen Audiothek.
Videos
Im Netz gibt es viele verschiedene Versionen von 'Southern Man', und ich habe einige besonders bemerkenswerte ausgewählt. Das Original auf AFTER THE GOLDRUSH ist immerhin rund fünf Minuten lang, auf 4 WAY STREET von C, S, N & Y dauert es mehr als 13 Minuten, wird allerdings für meinen Geschmack schnell langweilig, weil zu viel des Gitarrenhelden-Gegniedels. Herausragend gut haben mir dagegen die Versionen gefallen, die Young mit Booker T. & the MGs live zeigen. Der lockere, sehr beschwingte Groove dieser herausragenden Band lässt Neil Young ganz anders aufspielen als im eher erdigeren Crazy-Horse-Setting.
Ja, und dann gibt es das Video, in dem Nils Lofgren vom Einfluss der Polka auf ‚Southern Man‘ erzählt, und auch noch ein kurzes Interview, in dem Neil Young augenzwinkernd berichtet, dass ein Gegenstand, den seine Frau gegen die Tür seines Studios geschmissen hatte, als er an dem Song arbeitete, vermutlich zu dessen besonderer Schärfe beigetragen hat.

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