Gerade lese ich Klaus Voormanns Buch mit dem Titel „Warum spielst du „Imagine“ nicht auf dem weißen Klavier, John?“ Ich weiß nicht, warum es mir erst jetzt in die Hände gefallen ist, doch es scheint, als wäre es nun zur rechten Zeit am richtigen Ort.
Im Moment bin ich beim Kapitel, das die Vorgänge im Jahr 1966 beschreibt. Klaus lebte damals in London, spielte Bass bei Manfred Mann und hing sich nicht nur mit seinen Freunden, den Beatles, ab, sondern wohnte zeitweise sogar bei ihnen. Kennengelernt hatte er sie in den wilden Anfangstagen des Rock ’n’ Rolls in Hamburg, als sie in zwielichtigen Erablissements wie dem Kaiserkeller oder dem Star-Club von ganz unten die ersten Schritte ihrer einzigartigen Karriere begannen.
Zurück ins Jahr 1966: Eines Tages erhielt Klaus aus dem Nichts diesen Anruf von John Lennon: „Hey Klaus, hast du nicht Lust, unser neues Cover zu machen?“ – verbunden mit der Bitte, oder besser: der freundlichen Aufforderung, am nächsten Tag ins Studio zu kommen. Und was er dort hörte, beschreibt er so: „Was die Jungs für die neue LP einspielten, war sowohl von der Art der Komposition als auch von den Arrangements her vollkommen neu. … Das erste Stück, das ich im Studio hörte, war Tomorrow Never Knows, und mir wurde schlagartig klar, dass der Zeitpunkt für Live-Gigs, für Konzerte, damit ein Ende gefunden hatte (denn diese neuen Songs ließen sich dank ihrer Studioexperimente live nicht mehr umsetzen, der Verf.). … All das (die Musik von früher, der Verf.) hatte nichts mehr mit dem zu tun, was sich vor meinen Augen und Ohren im Abbey-Road-Studio 2 abspielte. Für mich war das nicht schlechter, es war anders. Ich würde sagen: nachdenklicher, philosophischer, reifer, kunstvoller.“
Soweit Klaus Voormann, der einen Grammy für sein Cover von Revolver erhielt, und damit der erste deutsche Künstler war, der mit dieser prestigeträchtigen Trophäe ausgezeichnet wurde. Übrigens: Klaus’ Honorar für das Revolver-Cover betrug satte fünfzig Pfund.
Warum habe ich dieses Thema für diesen Newsletter ausgewählt? Vielleicht, weil mich der Songtitel Tomorrow Never Knows ansprang. Denn war da nicht etwas? Heiligabend, das Ende des Jahres, der Ausklang – und zugleich schon die Ahnung eines neuen Anfangs, eines neuen Morgens? Was dürfen wir, was können wir vom neuen Jahr erwarten? Oder sollten wir besser gar nichts erwarten, denn ... Tomorrow Never Knows?
Blicken wir kurz zurück auf das zu Ende gehende Jahr, das einige steile Berg- und Talfahrten bereitstellte. 2025 war unter anderem das Jahr meines Solo-Albums, das ich 1990 genannt habe – weil auf dem Cover ein Foto von mir aus dem Jahr 1990 zu sehen ist. Die Arbeit daran beherrschte monatelang meinen Alltag: nicht nur musikalisch, sondern auch emotional, bürokratisch und organisatorisch. Und wie ich später feststellen musste, hat mich das enorm viele Körner gekostet. Dürfte ich Grammys vergeben, dann ginge einer an Manfred Pollert – für das Foto und das Cover von 1990. Da ich aber nicht in der Grammy-Kommission sitze, muss gelegentlicher, großartiger Kuchen von Lohmann oder Coppenrath als von Herzen kommendes Zeichen meiner Anerkennung und Dankbarkeit reichen.
Auf dem Album ist – bis auf ein Stück – reine Instrumentalmusik zu hören, und sie wurde von vielen sehr positiv aufgenommen. Vielen gefiel auch der Band-Sound, der dank der sparsamen Instrumentierung mit Schlagzeug, Kontrabass, Akkordeon und meiner E-Gitarre sehr transparent, natürlich und groß klang. Mein Dank geht an die Musiker, die meine Ideen so großartig umgesetzt haben - Ralf Quermann, Florian Schaube und Martin Gehrmann - sowie Marcus Praed, der im Studio „Mühle der Freundschaft“ den großartigen Mix und das Mastering gestaltete.
Einen Grammy oder irgendeinen anderen Preis gab es für 1990 nicht, dafür aber viele schöne Rezensionen und einige ausführliche Artikel in der Presse – auch wenn sich die ganz großen Medien von Rolling Stone bis zum DLF bedeckt hielten. Zumindest sind fast alle CDs der übersichtlichen Auflage verkauft; wer noch eine braucht, kann sie im Shop auf www.rebellius.de ordern.
Das, was ich in das Album an Geld, Zeit und Energie investiert habe, werde ich nicht wieder reinholen, was mir im Vorfeld aber schon klar war. Doch auch heute noch ist mir dieses Album jeden Cent und jede Minute wert, die investiert wurden, denn 1990 hat mir immerhin eine eigene musikalische Sprache beschert, deren ich mir vorher nicht sicher gewesen war.
Trotz meines Mottos von heute - Tomorrow Never Knows - arbeite ich bereits an einem weiteren Album. Diesmal nicht instrumental, sondern mit verschiedenen Sängerinnen und Sängern, die Songs von mir interpretieren werden. Das Album – vielleicht wird es auch nur eine EP – wird den Titel Americana tragen. Und der Name ist natürlich Programm, back to my roots. Parallel dazu, oder im Anschluss, entstehen wieder Stücke für ein Instrumental-Album mit dem Titel Orchids of Bologna. Erscheinungsdatum? Tomorrow Never Knows …
Ein schöner Moment in 2025 war die Einladung des WDR, als Interviewpartner für die bekannte Radiosendung Zeitzeichen zur Verfügung zu stehen. Die widmete sich dem 80. Geburtstag Neil Youngs, und wurde am 12.11.2025 ausgestrahlt. Wer sie nachhören will, kann dies unter diesem Link tun.
Das war es aber auch schon mit dem Zurückblicken, denn die Beschreibung weiterer Berg-, und vor allem der Talfahrten dieses Jahres, behalte ich in meinem Inneren und nehme sie als mein Sprungbrett, um im neuen Jahr so viele Dinge wie möglich zu klären, die sich in diesem nicht mehr haben klären lassen. Denn: „Nothing is forgotten, it’s only left behind“ (aus dem Song Unbound von Robbie Robertson).
Der Haken, den ich nun an dieses Jahr 2025 setzen möchte, beginnt für mich ab heute mit dem ersten Strich - untermalt von den Beatles und ihrem Song Tomorrow Never Knows*, dessen Kernaussage ist: Was wissen wir schon, was morgen ist?
In diesem Sinne wünsche ich allen Freunden, Bekannten und Unbekannten ein großartiges Weihnachtsfest, eine schön-ruhige Zeit zwischen den Jahren, getreu einer Textzeile aus Tomorrow Never Knows: „Turn off your mind, relax and float downstream!“ Und dann legt bitte alle einen schwungvollen Start ins neue Jahr hin!
Best!
Heinz
